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Thema: Euer Gedicht des Tages!

  1. #1
    zigtausend Jahre alt ... ;-) Avatar von John's Chaya
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    Standard Euer Gedicht des Tages!

    Wenige geben es zu, aber Gedichte lesen wir doch dann und wann alle mal gerne oder nicht?

    Ich hatte die Idee, dass jeder hier sein Gedicht des Tages posten kann, egal von wem. Sei es Joachim Ringelnatz, Johann W. von Goethe, Reiner Maria Rilke, Theodor Fontane, Theodor Storm ... usw., so kann man auch gleich noch etwas für die Allgemeinbildung tun.

    Ich habe dieses Thema gesucht und hier noch nicht gefunden, vielleicht gefällt es euch ja!
    Falls ich dieses Thema übersehen habe und es gibt es hier doch schon, kann der hierfür zuständige Mod es ja wieder löschen.


    Hier kommt dann gleich mal mein Gedicht des Tages:


    Die Liebende

    Das ist mein Fenster, Eben
    bin ich so sanft erwacht.
    Ich dachte, ich würde schweben.
    Bis wohin reicht mein Leben,
    und wo beginnt die Nacht?


    Ich könnte meinen, alles
    wäre noch Ich ringsum;
    durchsichtig wie eines Kristalles
    Tiefe, verdunkelt stumm.


    Ich könnte auch noch die Sterne
    fassen in mir; so groß
    scheint mir mein Herz; so gerne
    ließ es ihn wieder los


    den ich vielleicht zu lieben,
    vielleicht zu halten begann.
    Fremd, wie nie beschrieben
    sieht mich mein Schicksal an.


    Was bin ich unter diese,
    Unendlichkeit gelegt,
    duftend wie eine Wiese,
    hin und her bewegt,


    rufend zugleich und bange,
    dass einer den Ruf vernimmt,
    und zum Untergange
    in einem Anderen bestimmt.

    (Rainer Maria Rilke)
    Geändert von John's Chaya (23.02.2012 um 20:09 Uhr) Grund: aus e a gemacht ;-)
    Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein.

  2. #2
    Young-Fan Avatar von Mason
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    Hmmm, dann will ich mich doch auch mal beteiligen.
    Habe ein wenig gegoogelt und bin prompt auf ein kleines Gedicht gestoßen, welches mir gefallen hat.
    Zudem hat es mich spontan an TJ und Young erinnert. War purer Zufall, ehrlich. Aber ich finde es passt einfach...

    Dann mal los:

    In deiner Freundschaft bin ich gefangen

    Ich muss dich immer ansehen,
    obwohl ich deine Augen nicht verstehe.
    In deinem Lächeln ruhe ich mich aus;
    in deinen Worten fühl ich mich zu Haus.
    In deiner Freundschaft bin ich gefangen.
    Sie ist mein ewiges Verlangen.

    (Das Gedicht ist von Monika Minder.)
    Geändert von Mason (21.02.2012 um 22:51 Uhr)

  3. Danke sagten:


  4. #3
    zigtausend Jahre alt ... ;-) Avatar von John's Chaya
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    Das ist mein heutiges Gedicht des Tages:

    Nachthimmel und Sternenfall

    Der Himmel, groß, voll herrlicher Verhaltung,
    ein Vorrat Raum, ein Übermaß von Welt.
    Und wir, zu ferne für die Angestaltung,
    zu nahe für die Abkehr hingestellt.

    Da fällt ein Stern! Und unser Wunsch an ihn,
    bestürzten Aufblicks, dringend angeschlossen:
    Was ist begonnen, und was ist verflossen?
    Was ist verschuldet? Und was ist verziehn?

    HEB mich aus meines Abfalls Finsternissen
    in dein Gesicht, das mich so süß erkennt.
    Wie war ich, damals, zu dir hingerissen,
    in meines Herzen Elememt.

    Nun fiel ich ab und muß mich trübe trösten
    mit wirren, wucherndem Gelüst;
    du hast den Innigenm dir Eingeflößsten,
    Geliebte, nicht zuend geküßt.

    Die Sehnsucht, die du namenslos erlitten,
    bricht nun in meinen Adern aus und schreit.
    Wie trugst du nur in deinen Liebesmitten
    die Leere, die den Einsamen entzweit!

    (Rainer Maria Rilke)
    Geändert von John's Chaya (23.02.2012 um 20:09 Uhr)
    Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein.

  5. Danke sagten:


  6. #4
    zigtausend Jahre alt ... ;-) Avatar von John's Chaya
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    Da sooo ... viele ein Gedicht schreiben, habe ich mal wieder ein Gedicht des Tages:


    Einsamkeit

    Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
    Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
    von Ebenen, die fern sind und entlegen,
    geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
    Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

    Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
    wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
    und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
    enttäuscht und traurig von einander lassen;
    und wenn die Menschen, die einander hassen,
    in einem Bett zusammen schlafen müssen:

    dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen ...

    (Reiner Maria Rilke)
    Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein.

  7. Danke sagten:


  8. #5
    Lieutenant General Avatar von Antares
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    Das ist ja wirklich deprimierend. *seufz*

    Aber ich mag Rilkes Art zu schreiben wirklich sehr.

  9. #6
    Young-Fan Avatar von Mason
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    Bevor ich es wieder vergesse.... hier mein "Gedicht des Tages":


    Der Alltag

    Wie schwer einem das Herz doch werden kann!
    Kein klarer Gedanke lässt dich fassen
    und ich fang alles zu hassen.
    Ich sehne mich nach dem Licht,
    nach einem erhofften Gesicht.
    Doch hier ist so viel Kälte, Gleichgültigkeit
    und mein Herz gestürmt von Einsamkeit,
    kann kaum noch atmen.

    (© Franziska Fritsch)

  10. #7
    zigtausend Jahre alt ... ;-) Avatar von John's Chaya
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    Und hier kommt mein Gedicht des Tages. Ich habe es heute in einer Frauenzeitung gefunden und fand es sehr schön und diesmal ist es nicht von Rilke.


    Ein Lächeln im Vorübergehen

    Einen brauchst du auf dieser Welt,
    der mit dir weint und lacht,
    einen, der unbeirrt zu dir hält,
    der deine Probleme zu seinen macht.

    Einen, der dir dein Glück nicht neidet,
    dich über Schwellen trägt,
    einen, der dir Freude bereitet
    und helle Spuren legt.

    Einen, der deine Träume kennt,
    dir deine Schächen vergibt,
    einen, der dich beim Namen nennt
    und froh ist, dass es dich gibt.

    Einen, dem du vertrauen kanst,
    der dich wortlos versteht,
    einen, mit dem du Gespenster bannst,
    ehe dein Mut vergeht.

    Einen, der dich in die Arme nimmt,
    wenn eine Hoffnung zerbricht,
    einen, der deine Saiten stimmt.
    Einen brauchst du als Licht.

    (Emmy Grund)
    Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein.

  11. Danke sagten:


  12. #8
    zigtausend Jahre alt ... ;-) Avatar von John's Chaya
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    So, jetzt habe ich wieder ein schönes Gedicht des Tages.

    Glück der Entfernung


    Trink', o Jüngling! heil'ges Glücke

    Taglang aus der Liebsten Blicke,

    Abends gaukl' ihr Bild dich ein.

    Kein Verliebter hab es besser;

    Doch das Glück bleibt immer größer,

    Fern von der Geliebten sein.


    Ew'ge Kräfte, Zeit und Ferne,

    Heimlich wie die Kraft der Sterne,

    Wiegen dieses Blut zur Ruh'.

    Mein Gefühl wird stets erweichter;

    Doch mein Herz wird täglich leichter

    Und mein Glück nimmt immer zu.


    Nirgends kann ich sie vergessen,

    Und doch kann ich ruhig essen,

    Heiter ist mein Geist und frei;

    Und unmerkliche Betörung

    Macht die Liebe zur Verehrung,

    Die Begier zur Schwärmerei.


    Aufgezogen durch die Sonne,

    Schwimmt im Hauch äther'scher Wonne

    So das leichtste Wölkchen nie

    Wie mein Herz in Ruh' und Freude.

    Frei von Furcht, zu groß zum Neide,

    Lieb' ich, ewig lieb' ich sie!

    (Johann Wolfgang von Goethe)
    Geändert von John's Chaya (20.03.2012 um 17:28 Uhr)
    Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein.

  13. #9
    zigtausend Jahre alt ... ;-) Avatar von John's Chaya
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    Die Liebenden

    Sieh, wie sie zu einander erwachsen:
    in ihren Adern wird alles Geist.
    Ihre Gestalten beben wie Achsen,
    um die es heiß und hinreißend kreist.
    Dürstende, und sie bekommen zu trinken,
    Wache und sieh: sie bekommen zu sehn.
    Laß sie ineinander sinken,
    um einander zu überstehn.

    (Reiner Maria Rilke)
    Geändert von John's Chaya (21.03.2012 um 16:29 Uhr) Grund: r fehlte
    Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein.

  14. #10
    Lieutenant General Avatar von Antares
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    Da vor kurzem Frühlingsanfang war, wohl das bekannteste Frühlingsgedicht überhaupt:

    Frühling

    Frühling läßt sein blaues Band
    Wieder flattern durch die Lüfte
    Süße, wohlbekannte Düfte
    Streifen ahnungsvoll das Land
    Veilchen träumen schon,
    Wollen balde kommen
    Horch, von fern ein leiser Harfenton!
    Frühling, ja du bist's!
    Dich hab ich vernommen!

    Eduard Mörike

  15. Danke sagten:


  16. #11
    zigtausend Jahre alt ... ;-) Avatar von John's Chaya
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    @Antares

    Stimmt, das ist dass bekannteste Frühlingsgedicht und sehr schön. Danke, dass du es gepostet hast!
    Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein.

  17. #12
    zigtausend Jahre alt ... ;-) Avatar von John's Chaya
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    Hier kommt noch ein schönes Frühlingsgedicht.


    Frühling

    Nun ist er endlich kommen doch
    In grünem Knospenschuh;
    »Er kam, er kam ja immer noch«,
    Die Bäume nicken sich's zu.

    Sie konnten ihn all erwarten kaum,
    Nun treiben sie Schuss auf Schuss;
    Im Garten der alte Apfelbaum,
    Er sträubt sich, aber er muss.

    Wohl zögert auch das alte Herz
    Und atmet noch nicht frei,
    Es bangt und sorgt: »Es ist erst März,
    Und März ist noch nicht Mai.«

    O schüttle ab den schweren Traum
    Und die lange Winterruh':
    Es wagt es der alte Apfelbaum,
    Herze, wag's auch du.

    (Theodor Fontane)
    Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein.

  18. #13
    Lieutenant General Avatar von Antares
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    Danke für das nette Gedicht, ich kannte es noch nicht.

    Und diese Zeilen sind ja sehr schön beobachtet:

    Wohl zögert auch das alte Herz
    Und atmet noch nicht frei,
    Es bangt und sorgt: »Es ist erst März,
    Und März ist noch nicht Mai.«


    Wer kennt das nicht, dass man dem Frühling noch nicht so recht glauben mag?

  19. Danke sagten:


  20. #14
    zigtausend Jahre alt ... ;-) Avatar von John's Chaya
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    Hier kommt noch ein schönes Frühlingsgedicht.


    Frühlingsnacht

    Übern Garten durch die Lüfte
    Hört ich Wandervögel ziehn,
    Das bedeutet Frühlingsdüfte,
    Unten fängt's schon an zu blühn.

    Jauchzen möcht ich, möchte weinen,
    Ist mir's doch, als könnt's nicht sein!
    Alte Wunder wieder scheinen
    Mit dem Mondesglanz herein.

    Und der Mond, die Sterne sagen's,
    Und in Träumen rauscht's der Hain,
    Und die Nachtigallen schlagen's:
    Sie ist deine, sie ist dein!

    (Joseph von Eichendorff)
    Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein.

  21. #15
    Young-Fan Avatar von Mason
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    So, nachdem ich etwas geschwächelt habe, hier nun auch von mir wieder ein Gedicht:


    Streit der Körperteile

    Ein Körper hatte Langeweile,
    da stritten sich die Körperteile,

    gar heftig und mit viel Geschrei,
    wer wohl der Boss von ihnen sei!

    „Ich bin der Boss,“ sprach das Gehirn,
    „ich sitz´ ganz hoch hinter der Stirn,

    muss stets denken und euch leiten,
    ich bin der Boss, wer will´s bestreiten!?“

    Die Beine sagten halb im Spaße:
    „Gib nicht so an, du weiche Masse,

    durch uns der Mensch sich fortbewegt,
    ein Mädchenbein den Mann erregt,

    der Mensch wirkt durch uns erst groß,
    ganz ohne Zweifel, wir sind der Boss!“

    Die Augen funkelten und sprühten:
    „Wer soll euch vor Gefahr behühten,

    wenn wir nicht ständig wachsam wären?
    Uns sollte man zum Boss erklären!“

    Das Herz, die Nieren und die Lunge,
    die Ohren, Arme und die Zunge,

    ein jeder legte schlüssig dar:
    „Der Boss bin ich, das ist doch klar!“

    Selbst Penis strampelt keck sich bloß
    und rief entschlossen: „ich bin der Boss! -

    Die Menschheit kann mich niemals missen,
    denn ich bin nicht nur da zum Pissen!“

    Bevor jedoch die Debatte schloss,
    da furzt das Arschloch: „Ich bin der Boss!“

    „Haha!“, wie da die Konkurrenten lachten,
    und bitterböse Späße machten.

    Das Arschloch darauf sehr verdrossen,
    hat zielbewußt sich fest verschlossen.

    Es dachte konsequent bei sich:
    „Die Zeit arbeitet für mich!

    Wenn ich mich weigere zu scheißen,
    werd ich die Macht schon an mich reißen!“

    Schlaff wurden Penis, Arme, Beine,
    die Galle produzierte Steine.

    Das Herz es stockte schon bedenklich,
    auch das Hirn fühlte sich kränklich.

    Das Arschloch war nicht zu erweichen,
    lies hier und da ein Fürzchen streichen.

    Zum Schluß da sahen´s alle ein,
    der Boss kann nur das Arschloch sein.

    Und die Moral von der Geschicht‘,
    mit Fleiß und Arbeit schafft man´s nicht.

    Um Boss zu werden hilft allein,
    ein Arschloch von Format zu sein,

    das mit viel Lärm und ungeniert,
    nichts als nur Scheiße produziert!


    Leider ist mir der/die Autor/in nicht bekannt. Ich habe das Gedicht per Google in irgend einem Forum gefunden, wo keine Angabe des Verfassers war. Vielleicht war es auch einfach nur die Kreativität des Users, die zu diesen amüsanten Zeilen geführt hat...

  22. Danke sagten:


  23. #16
    Maverick™
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    Zitat Zitat von Mason Beitrag anzeigen
    Leider ist mir der/die Autor/in nicht bekannt. Ich habe das Gedicht per Google in irgend einem Forum gefunden, wo keine Angabe des Verfassers war. Vielleicht war es auch einfach nur die Kreativität des Users, die zu diesen amüsanten Zeilen geführt hat...
    Ist doch ganz klar von wem das gekommen ist

  24. #17
    zigtausend Jahre alt ... ;-) Avatar von John's Chaya
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    Heute gibt es mal zwei Gedichte, da bald Ostern ist und das eine Gedicht so gut zu Hamburg passt.


    “ Ostern am Meer “

    Es war daheim auf unserm Meeresdeich.
    Ich ließ den Blick am Horizonte gleiten.
    Zu mir herüber scholl verheißungsreich
    mit vollem Klang das Osterglockenläuten.
    Wie brennend Silber funkelte das Meer.
    Die Inseln schwammen auf dem hohen Spiegel,
    die Möwen schossen blendend hin und her,
    eintauchend in die Flut die weißen Flügel.
    In tiefer Erde bis zum Deichesrand
    war sammetgrün die Wiese aufgegangen.
    Der Frühling zog prophetisch über Land.
    Die Lerchen jauchzten, und die Knospen sprangen.
    Entfesselt ist die urgewaltge Kraft.
    Die Erde quillt, die jungen Säfte tropfen.
    Und alles treibt, und alles webt und schafft.
    Des Lebens vollste Pulse hör ich klopfen.

    (Theodor Storm, 1817-1888)





    “ Osterspaziergang “


    Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
    durch des Frühlings holden, belebenden Blick.
    Im Tale grünet Hoffnungsglück.
    Der alte Winter in seiner Schwäche
    zog sich in rauhe Berge zurück.
    Von dorther sendet er, fliehend, nur
    ohnmächtige Schauer körnigen Eises
    in Streifen über die grünende Flur.
    Aber die Sonne duldet kein Weißes.
    Überall regt sich Bildung und Streben,
    alles will sie mit Farbe beleben.
    Doch an Blumen fehlts im Revier.
    Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
    Kehre dich um, von diesen Höhen
    nach der Stadt zurückzusehen!
    Aus dem hohlen, finstern Tor
    dringt ein buntes Gewimmel hervor.
    Jeder sonnt sich heute so gern.
    Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
    denn sie sind selber auferstanden.
    Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
    aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
    aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
    aus der Straßen quetschender Enge,
    aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
    sind sie alle ans Licht gebracht.
    Sieh nur, sieh, wie behend sich die Menge
    durch die Gärten und Felder zerschlägt,
    wie der Fluß in Breit und Länge
    so manchen lustigen Nachen bewegt,
    und, bis zum Sinken überladen,
    entfernt sich dieser letzte Kahn.
    Selbst von des Berges ferner Pfaden
    blinken uns farbige Kleider an.
    Ich höre schon des Dorfs Getümmel.
    Hier ist des Volkes wahrer Himmel.
    Zufrieden jauchzet groß und klein:
    Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!


    (Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832)
    Geändert von John's Chaya (04.04.2012 um 13:30 Uhr)
    Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein.

  25. #18
    Jack+Sam Shipper Avatar von AngiAngus
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    FRÜHLINGSGEDICHT

    Die Sonne lacht, der Frühling grinst,
    der Winter nur noch Hirngespinst.

    Die ersten Blüten wieder sprießen,
    natürlich muss man das genießen.

    Draußen sitzen, Kaffee trinken,
    in der Sonne schön versinken,

    sich vor Glück die Hände reiben,
    denken: Ja, so kann es bleiben.

    Ach ist dieses Leben schön,
    wenn wir jetzt den Frühling sehn.

    Die Tauben fangen an zu gurren,
    Griesgräme hören auf zu murren.

    Krokusse lachen ganz verschmitzt,
    erste Läufer sind verschwitzt.

    Der Lenz grüßt uns mit Sonnenschein,
    lässt Fröhlichkeit ins Herz hinein.

    Wo man gestern noch in Matsch getreten,
    strecken erste Blüten Ihre Gräten.

    Statt in den Monitor zu glotzen,
    machen wir die Kiste aus,

    soll der Chef ruhig motzen,
    wir gehen in den Park hinaus.

    Es zieht uns in die Sonne, ans Licht.
    Arbeiten – wollen wir jetzt nicht.

    Die Sonne scheint, die Mücken zwicken,
    ich hab jetzt richtig bock zu... m Fensterputzen

    (alles nur geklaut)

  26. #19
    zigtausend Jahre alt ... ;-) Avatar von John's Chaya
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    Ich dachte, da Ostern ist poste ich mal zwei schöne Ostergedichte.

    “Ostern”

    Ja, der Winter ging zur Neige,
    holder Frühling kommt herbei,
    Lieblich schwanken Birkenzweige,
    und es glänzt das rote Ei.

    Schimmernd weh´n die Kirchenfahnen
    bei der Glocken Feierklang
    und auf oft betretnen Bahnen
    nimmt der Umzug seinen Gang.

    Nach dem dumpfen Grabchorale
    tönt das Auferstehungslied,
    und empor im Himmelsstrahle schwebt er,
    der am Kreuz verschied.

    So zum Schönsten der Symbole
    wird das frohe Osterfest,
    dass der Mensch sich Glauben hole,
    wenn ihn Mut und Kraft verlässt.

    Jedes Herz, das Leid getroffen,
    fühlt von Anfang sich durchweht,
    dass sein Sehnen und sein Hoffen
    immer wieder aufersteht.

    (Ferdinand von Saar, 1833-1906)



    “ Ostermorgen ”

    Die Lerche stieg am Ostermorgen
    empor ins klarste Luftgebiet
    und schmettert` hoch im Blau verborgen
    ein freudig Auferstehungslied.
    Und wie sie schmetterte, da klangen
    es tausend Stimmen nach im Feld:
    Wach auf, das Alte ist vergangen,
    wach auf, du froh verjüngte Welt!

    Wacht auf und rauscht durchs Tal,
    ihr Bronnen,
    und lobt den Herrn mit frohem Schall!
    Wacht auf im Frühlingsglanz der Sonnen,
    ihr grünen Halm und Läuber all!
    Ihr Veilchen in den Waldesgründen,
    ihr Primeln weiß, ihr Blüten rot,
    ihr sollt es alle mit verkünden:
    Die Lieb ist stärker als der Tod.

    Wacht auf, ihr trägen Menschenherzen,
    die ihr im Winterschlafe säumt,
    in dumpfen Lüften, dumpfen Schmerzen
    ein gottentfremdet Dasein träumt..
    Die Kraft des Herrn weht durch die Lande
    wie Jugendhauch, o laßt sie ein!
    Zerreißt wie Simson eure Bande,
    und wie die Adler sollt ihr sein.

    Wacht auf, ihr Geister, deren Sehnen
    gebrochen an den Gräbern steht,
    ihr trüben Augen, die vor Tränen
    ihr nicht des Frühlings Blüten seht,
    ihr Grübler, die ihr fern verloren,
    hier ist ein Wunder, nehmt es an!

    Ihr sollt euch all des Heiles freuen,
    das über euch ergossen ward!
    Es ist ein inniges Erneuen,
    im Bild des Frühlings offenbart.
    Was dürr war, grünt im Wehn der Lüfte,
    jung wird das Alte fern und nah.
    Der Odem Gottes sprengt die Grüfte -
    wacht auf! Der Ostertag ist da.

    (Emanuel Geibel, 1815-1884)
    Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein.

  27. Danke sagten:


  28. #20
    zigtausend Jahre alt ... ;-) Avatar von John's Chaya
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    Sonntagsmorgen


    Im Hochwald jauchzender Posthornklang!
    Wie zieht er verheissend und sehnsuchtsbang
    Das Herz mit sich fort durch den Morgen!
    Wie lockt er ins Weite mit stürmischer Macht.
    Als hielte die Ferne in schimmernder Pracht
    Das süsseste Glück noch geborgen!

    Und lauter und lauter herauf aus dem Thal,
    Herauf in des Hochwalds funkelnden Saal,
    Ertönen die Sonntagsglocken.
    Ich stehe und lausche mit klopfender Brust
    So heimathselig, so glückbewusst,
    Im Herzen so freudig erschrocken.

    Und voller und voller herauf durch den Wald
    Der brausende Festpsalm der Orgel erschallt —
    Ich stimm' in die jubelnden Sänge,
    Und ferner und ferner das Posthorn stets wirbt,
    Bis leiser und leiser im Walde erstirbt
    Das zaub'rische Locken der Klänge.

    (Julius Lohmeyer)
    Geändert von John's Chaya (15.04.2012 um 18:07 Uhr) Grund: Grafik eingefügt :-)
    Ich bin zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein.

  29. Danke sagten:


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